CfP: treibhaus 23 (2027): Übersetzungen

Eingereicht am: 13.10.2026
Eingereicht von: Prof. Dr. Sven Hanuschek / Sven.Hanuschek@lmu.de

Übersetzen ist ein Beruf, dessen Aufgabenbereiche radikal im Schwinden begriffen sind. Ob und in welchem Umfang das auch für literarische Übersetzungen gilt, wird die Weiterentwicklung der KI in den nächsten Jahren erweisen. In der Aufbruchstimmung der fünfziger Jahre waren die Neugier auf fremde Bücher und ihre Lektüre substantiell für die übernationale Verständigung.

Wir wünschen uns Untersuchungen in beide Richtungen: Über die Übersetzungen ins Deutsche, die dazu beitragen sollten, nach zwölf Jahren Abschottung wieder den Anschluss an die Weltliteratur zu gewinnen – Hans Magnus Enzensbergers „Museum der modernen Poesie“ (1960) kann hier als eine abschließende Bekräftigung gelten – , und über die Übersetzungen aus dem Deutschen, mit denen die deutschsprachige Literatur wieder Aufmerksamkeit erfuhr.

Unter den Übersetzenden wären, um nur die prominentesten zu nennen, Annemarie Böll, die z.T. unter Mitarbeit ihres Mannes Heinrich aus dem Englischen übersetzte, oder Wolfgang Hildesheimer, der auf demselben Gebiet arbeitete, aber umgekehrt auch Stefan George und Kafka ins Englische brachte; Silvia Hildesheimer übersetzte aus dem Italienischen. Ingeborg Bachmann übertrug Thomas Wolfe und Ungaretti ins Deutsche, umgekehrt erschienen ihre Werke in zahlreichen fremden Sprachen; Erich Fried, dessen Liebesgedichte international gefeiert wurden, nahm sich unter anderen den verwandten Dylan Thomas vor. Der polyglotte Paul Celan übertrug, selbst vielfach übertragen, Werke aus sechs Sprachen. Arno Schmidt übersetzte amerikanische Unterhaltungsliteratur für das liebe Geld, bevor er sich die Titel selbst aussuchen konnte, und Uwe Johnson übertrug unter den Bedingungen des DDR-Literatursystems Herman Melville und das „Nibelungenlied“.
Von großem ideologiehistorischem Interesse sind auch Vergleiche von Übersetzungen aus den fünfziger Jahren mit heute revidierten und aktualisierten Neuauflagen, so bei Ayn Rands kapitalismusverherrlichendem Roman „Atlas Shrugged“ (1957), 1959 als „Atlas wirft die Welt ab“ erstmals übertragen, dann wieder unter anderen Titeln 1997, 2012 und 2021, oder Simone de Beauvoirs „Le Deuxième Sexe“, das mit dem Frauenbild im Nachkriegsdeutschland kollidierte und erst in den neunziger Jahren in einer revidierten Übertragung zur Gültigkeit kam. Auch Beiträge über die verspätete Anerkennung wirkungsmächtiger Übersetzerinnen wie Eva Rechel-Mertens, Elisabeth Schnack oder Eva Hesse sind erwünscht.
Nicht zuletzt sind buchwissenschaftliche Studien willkommen, zur Programmgestaltung der Verlage, etwa des Verlags Volk und Welt, der die DDR-Leserschaft an die Internationale Literatur anschloss, oder zu der Aufmachung von Zeitschriften und Periodika, die von Übersetzungen lebten.

Erbeten werden Texte im Umfang von maximal 20 Seiten à 2800 Zeichen; Exposé / Abgabe: Termine nach Vereinbarung.
Zuschriften richten Sie bitte an die Herausgeber und Herausgeberin Günter Häntzschel, Ulrike Leuschner und Sven Hanuschek, c/o Prof. Dr. Sven Hanuschek / Ludwig-Maximilians-Universität / Department für Germanistik, Komparatistik, Nordistik, Deutsch als Fremdsprache / Schellingstr. 3 / 80799 München, oder an sven.hanuschek@lmu.de.

Veröffentlicht am:
Rubrik: Chancen
Tagesredaktion: Nada Arbesmeier